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Der Mann als Opfer von Gewalt

"Entweder ist jemand Opfer. Oder er ist ein Mann."


von Hans-Joachim Lenz (ursprünglich erschienen in der Schweizer Männerzeitung manner.be, Nr. 1, 01.03.2002). Mit freundlicher Genehmigung von H.-J. Lenz hier veröffentlicht:

Männer erleben Gewalt in einem Ausmass, das dem von Frauen erlittenen mindestens gleichkommt - wenn sich auch die vorherrschenden Formen der Männern und Frauen zugefügten Gewalt teilweise unterscheiden. Die Gewalt gegen Männer ist die andere Seite der Gewalt gegen Frauen. Die Erfahrung des Opferwerdens gehört zu jedem Männerleben. Niederlage, Erniedrigung oder Demütigung sind tägliche Unterwerfungserfahrungen unter die Übermacht vor allem anderer Männer. Die verschiedenen Lebensbereiche, in welchen Männer vorwiegend Opfererfahrungen machen bzw. gemacht haben, verlaufen entlang der für ihre Entwicklung relevanten Sozialisationsinstanzen wie Herkunftsfamilie, Schule, Gleichaltrigengruppe, Bundeswehr, Partnerschaft, Beruf. Deren offener Lehrplan lautet: «Männer werden systematisch dazu konditioniert, Schmerzen zu ertragen... »(Keen). Sie lernen damit, ihre Empfindungen von Verletzungen und das Leiden daran zu verbergen.

Frauen und Gewalt

Die gegenwärtige Situation männlicher Opfer ähnelt der von vergewaltigten und misshandelten Frauen vor dreissig Jahren: Verleugnung der Problematik und Ignoranz den Betroffenen gegenüber dominieren. Erst durch die neuere Frauenbewegung und deren Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen wurde «Gewalt an Frauen» zur grundständigen politischen Metapher für Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen in diesen patriarchal-kapitalistischen Verhältnissen. Heute sind Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung (auch in der Ehe) und andere Unterdrückungsmechanismen öffentliche Themen und als solche politikfähig geworden. Zahlreiche wissenschaftliche Studien halfen, die Problematik aufzudecken und vielfältige Hilfsangebote für die Betroffenen einzurichten.

Kulturelles Paradoxon

Die Normalität der Männergesellschaft bildet den strukturellen Hintergrund dafür, warum und wie männliche Opfer produziert werden, wie mit ihnen umgegangen wird und wie diese sich selbst sehen. Die männliche Form der Weltaneignung beruht auf Herrschaft und Kontrolle und vermittelt sich in einem verhängnisvollen patriarchalen Kulturbegriff. In immer neuen Variationen dreht sich dieser um Unterwerfung, Aneignung, Sich-Erheben über ein Gegebenes oder um gewaltsame Veränderung eines Gegebenen. Unter den bestehenden Herrschaftsverhältnissen - auf der Basis der kapitalistischen Marktwirtschaft - funktioniert die «Siegerkultur», die in das System der «hegemonialen Männlichkeit » (Connell) eingebunden ist. Ideologisch abgesichert durch die Formel von «individueller Leistung und individuellem Erfolg» herrscht das «Recht des ökonomisch Erfolgreichen». Als Ergebnis bleiben wenige Sieger und viele Verlierer übrig. Die «Unterlegenen» werden stigmatisiert. In dieser Logik stellt der Begriff des «männlichen Opfers» ein kulturelles Paradox dar: Entweder ist jemand ein Opfer oder er ist ein Mann. Beide Begriffe werden als unvereinbar gedacht. Im folgenden charakterisiere ich die bislang bekannten Problemlagen männlicher Opfererfahrungen in knapper Form. (Alle genannten Zahlenangaben sind mit grosser Vorsicht zu behandeln, da es kaum originäre Studien über männliche Opfer in Deutschland gibt, das wenige vorhandene Material aus methodologischen Gründen nicht einfach vergleichbar und die Dunkelziffer sehr hoch ist!)

Jungen als Opfer

• Physische und psychische Misshandlung:

Innerhalb der Familie erleiden sehr viele Jungen und Mädchen Kindsmisshandlungen; diese findet auf einer psychischen und physischen Ebene statt, häufig gibt es fliessende Übergänge und Mischformen. Hierunter fallen Vernachlässigung und Verwahrlosung, körperliche Misshandlung, psychische Misshandlung, aber auch Totschlag und Mord. Auf der Grundlage der Daten aus einer Repräsentativerhebung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) von 1992 stellt Peter Wetzels fest: «Männer waren in ihrer Kindheit häufiger als Frauen Opfer elterlicher körperlicher Gewalt.» Das männliche Geschlecht kann als Risikofaktor für Misshandlung aufgefasst werden, wenn, wie in der Literatur üblich, Misshandlungsfälle auf Bevölkerungsdaten bezogen werden. Zu den ausserfamiliären Formen von Gewalt an Jungen gehören auch die alltäglichen Gewaltübergriffe, denen Jungen ausgesetzt sind - beispielsweise Rohheit im Umgang, Demütigungen und abgestufte körperliche und seelische Qualen. Mit Daten aus der zitierten bundesweiten Erhebung des KFN aus dem Jahre 1992 wird in einer Analyse der Viktimisierungsraten für Jungen und Mädchen aufgezeigt, dass Jungen bedeutend häufiger Opfer von ausserhäuslichen Gewaltdelikten werden. So waren 32,9 Prozent der Jungen gegenüber 17,0 Prozent der Mädchen in diesem Zeitraum mindestens einmal Opfer. Die Opferrate der Jungen ist damit fast doppelt so hoch wie jene der Mädchen. Bei Raub, der räuberischen Erpressung sowie den Körperverletzungsdelikten sind die geschlechtsbezogenen Unterschiede besonders deutlich ausgeprägt. So waren Jungen etwa dreimal häufiger Opfer eines Raubes als Mädchen und viermal häufiger Opfer einer räuberischen Erpressung.

• Sexueller Missbrauch und Ausbeutung:

Misshandlung ist häufig mit sexueller Ausbeutung und sexuellen Gewaltübergriffen verbunden. Der sexuelle Missbrauch kann aber auch ohne Misshandlung stattfinden; hiervon sind in erster Linie Mädchen betroffen. Übergriffe finden häufig ausserhäuslich statt, u.a. im Rahmen von Sport- und anderen Freizeitaktivitäten. Trotz hoher Dunkelziffer sprechen bisherige Forschungsergebnisse dafür, dass sexuelle Gewalt bei Mädchen gehäuft innerhalb der Familie stattfindet, während Jungen häufiger ausserhalb der Familie zu Opfern werden. Sexuelle Gewaltübergriffe können durch fremde Täter erfolgen, aber auch durch Autoritäts- und Vertrauenspersonen oder durch gleichaltrige oder ältere Jugendliche.
Zwei Drittel der männlichen Opfer (bei Mädchen die Hälfte) berichten von versuchter und/oder realisierter Penetration. Die Rechtsmedizinerin Trube-Becker sagte in einem Interview: «Der After spricht Bände». Ein knappes Fünftel aller Übergriffe wurde bei beiden Geschlechtern mit körperlicher Gewaltanwendung erzwungen. Mehr als 40 Prozent der Männer hatten über ihre Erfahrungen noch nie mit jemandem gesprochen.
Bange wertete zahlreiche deutsche und internationale Studien aus und kommt für Deutschland zu dem Schluss, «dass 10-15 Prozent der Frauen und 5-10 Prozent der Männer bis zum Alter von 14 bis 16 Jahren mindestens einmal einen unerwünschten oder durch die <moralische> Übermacht einer deutlich älteren Person oder durch Gewalt erzwungenen sexuellen Körperkontakt erlebt haben.» Pädosexualität ist eine Form der sexuellen Ausbeutung von Kindern und stellt eine besonders subtile Art häufig gleichgeschlechtlicher und generationenübergreifender Grenzübergriffe dar. Oftmals wird die vorrangige sexuelle Befriedigung der überwiegend männlichen Täter mit der Begrifflichkeit Pädophilie als «Kinderliebe» versehen. In Wirklichkeit handelt es sich um Pädosexualität. Dabei wird die «Sprache der Zärtlichkeit» mit der «Sprache der Leidenschaft» verwechselt: Der Erwachsene deutet das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes als Rechtfertigung für die Befriedigung eigener leidenschaftlicher Begierden. Dies stellt in aller Regel eine (traumatische) Überflutung des Kindes dar. Sexuelle Gewalterfahrungen spielen eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Prostitution von Jungen ebenso wie von Mädchen. Prostitution wird teilweise ausserhalb Deutschlands im Rahmen von Sextourismus praktiziert. In der alten Bundesrepublik gab es Schätzungen zufolge ca. 10.000 bis 15.000 Jungen, die sich prostituierten. Bange verweist auch auf eine nordamerikanische Studie, derzufolge 24 von 28 Strichjungen in ihrer Kindheit zum Sex gezwungen worden sind. Bereits Anfang der 80er-Jahre wurde in den USA auf bestehende Händlerringe erwachsener Männer aufmerksam gemacht, die sich an dem weltweiten Geschäft mit Kinderpornographie beteiligen.
Eine zunächst religiös und im 19. und 20. Jahrhundert teilweise auch versuchsweise medizinisch legitimierte Form von gewalttätigen Verletzungen ist die so genannte «Beschneidung». In Australien, Kanada und vor allem in den USA, aber auch in Ländern der Dritten Welt wurden und werden Jungen «präventiv» beschnitten. In den USA waren in den 70er-Jahren bis zu 90 Prozent, 1994 noch ca. 60 Prozent aller neugeborenen Jungen davon betroffen. Inzwischen gibt es vor allem in verschiedenen englischsprachigen Ländern Selbsthilfegruppen und Organisationen, welche die männliche Beschneidung (ebenso wie auch die weibliche Beschneidung) als sexuelle Verstümmelung mit fatalen Folgen kritisieren und bekämpfen.

Gewalt im Männer-Alltag

Die an erwachsenen Männern begangenen Übergriffe und Verletzungen sind ein offenes, aber verdrängtes Geheimnis.

• Männer als Opfer von Körperverletzungen:

Männer sind zwar die mehrheitlich in der Kriminalstatistik ausgewiesenen Täter, aber auch mehrheitlich die Opfer von Gewalttaten (ca. 70 Prozent). Bei Körperverletzungen überwiegt der Männeranteil in allen Altersklassen. Die erwähnte repräsentative Opferbefragung des KFN schreibt: «Für Gewaltdelikte weisen 16- bis 24-jährige Männer die höchsten Opferraten auf.» Nicht erfasst werden in solchen Haushaltsumfragen allerdings diejenigen, die nicht sesshaft sind oder (z.B. infolge von Armut oder Behinderung) aus dem Rahmen der Normalität herausfallen. Dies betrifft, vor allem in bestimmten Regionen Deutschlands, einen steigenden Anteil der Männer. Als wehrlose «Versager» angesehene Männer sind oft besonders brutaler Gewalt ausgesetzt. Ein Sonderfall der Verletzung der körperlichen Integrität sind schliesslich Entführungen und Erpressungen.

• Männer als Opfer sexueller Gewalt:

Männer sind auch sexuellen Angriffen ausgesetzt, denen selten eine spezifisch homosexuelle Orientierung zugrunde liegt. Bereits in den 1970er Jahren waren bei 4-8 Prozent aller aktenkundigen sexuellen Vergewaltigungen Männer die Opfer. Häufig handelt es sich dabei um eine gewalttätige patriarchale Machtdemonstration, die sich insbesondere um die Frage dreht, wer wen (anal) penetriert. Einem gedemütigten männlichen Opfer wird zumeist eine Mitschuld unterstellt: Es hätte sich ja (als «richtiger» Mann) wehren können und vielleicht ist er ein (verkappter) Schwuler, der sich nur ziert. Auch medizinisches Personal kann an Patienten  übergriffig werden. Die Vergewaltigung eines männlichen Patienten durch einen Urologen ist dokumentiert. Inwieweit HIV-Infektionen durch Vergewaltigungen hervorgerufen werden, wird im deutschen Sprachraum bislang so gut wie nicht thematisiert.

• Männer als Opfer in der Arbeitswelt:

In Zeiten der rasanten Veränderungen der männlichkeitsdominierten Arbeitsgesellschaft und der Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses werden Männer an ihrer Achillesferse getroffen. Die zentrale Definition eines männlichen Lebens über Erwerbsarbeit verliert ihre Grundlage, wenn Erwerbsarbeit gesellschaftlich zunehmend entwertet wird bzw. ganz wegfällt. Die soziale Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern dieser Entwicklungen verschärft sich. Marginalisierte Männlichkeit unterliegt der Tendenz zur Verelendung. Ein spezielles Problemfeld sind die im Rahmen der Arbeitswelt praktizierten Demütigungsrituale, die dazu führen, dass Männer durch Mobbing gefährdet sind. Leymann stellte bereits im Rahmen seiner Studien in den 80er- Jahren fest, dass ca. 80 Prozent aller Mobbingattacken von Männern gegen andere Männer gerichtet sind. Daneben sind Männer auch körperlichen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Eine im Jahre 1991 erstellte bundesweite Studie «Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz» des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend befragte ca. 4200 Frauen nach ihren Erfahrungen von sexueller Belästigung. Im Rahmen einer Betriebsbefragung wurden zudem 265 männliche Beschäftigte nach ihrem Problemverständnis und ihrer Definition von sexueller Belästigung, männlicher Zeugenschaft von Belästigung und eigenen Belästigungserfahrungen gefragt. 19 Prozent der Männer berichteten ausführlich von selbst erlebten sexuellen Belästigungen im Betrieb.

Gewalt in Lebensgemeinschaften

• Männer als Opfer in heterosexuellen Intimbeziehungen:

Gemünden hat verschiedene zumeist nordamerikanische Studien über Gewalt in Partnerschaften ausgewertet. Darin kommt er zum Schluss: «Insgesamt kann es als einigermassen gesichert angesehen werden, dass etwa so viele Frauen wie Männer gegen den Partner Gewalt anwenden.» Die eingesetzten Mittel und deren Auswirkungen differierten. Tendenziell seien Männer mehr psychologisch-verbalem Druck während Frauen mehr der realisierten oder angedrohten Gewalt ausgesetzt seien. Im Einzelfall könne dies allerdings auch umgekehrt sein. Bei sexueller Gewalt in Partnerschaften nannten - nach Gemünden - in einer nordamerikanischen Studie 13,5 Prozent der befragten Frauen und 6,8 Prozent der befragten Männer entsprechende Vorfälle.

• Alte Männer als Opfer innerfamiliärer Gewalt:

Es besteht eine erhöhte Gefahr von Misshandlungen, wenn Männer alt und gebrechlich werden. Alte, uneingelöste Rechungen können beglichen werden. Erhebungen haben festgestellt, dass in Paarbeziehungen zwischen alten Menschen Männer etwa gleich oft wie Frauen Opfer interpersonaler Gewalt werden.

• Männer als Opfer von häuslicher Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen:

Dies wird bislang so gut wie nicht thematisiert und häufig durch vielerlei Mythen und Vorurteile verdeckt. In einem Anti-Gewalt-Projekt in San Francisco wird vermutet, dass in 50 Prozent aller schwulen Beziehungen Männer zu Opfern häuslicher Gewalt werden.

Soziale Ausgrenzung

• Schwule als Opfer:

Die patriarchale Gesellschaft hat eine homosexuellenfeindliche Einstellung. Die kulturelle Tabuisierung von körperlicher Intimität und Nähe zwischen Männern führt zu Homophobie als «normalem» Bestandteil traditioneller männlicher Identität. Gekoppelt mit kultureller und sozialer Verunsicherung führt diese zum Hass auf und zur Gewalt gegen die «fremde» Minderheit. Körperverletzungen und Erpressung durch gewalttätige Männer, die oft aus sehr patriarchalen Milieus stammen, sind die häufigsten Gewaltformen.

• Männliche Ausländer als Opfer:

Die seit der Wiedervereinigung und unter dem Vorzeichen der Globalisierung gestiegene Massenarbeitslosigkeit hat dazu geführt, auch in der «gesellschaftlichen Mitte» Ausländern wieder stärker die Sündenbockfunktion zuzuweisen. Die wachsende  Ausländerfeindlichkeit hat zu einer Zunahme von Gewalt geführt. 1995 waren 63,7 Prozent der Opfer von registrierten ausländerfeindlichen Übergriffen männlich.

• Männer als Opfer im Gefängnis:

Im Gewaltsystem Gefängnis tritt die gewalttätige Schlagseite herrschender Männeridentität offen und krass zu Tage. Häufig finden in Gefängnissen, deren Insassen zu ca. 95 Prozent männlichen Geschlechts sind, gewalttätige und sexuelle Übergriffe statt, ohne dass sie geahndet würden.

• Männer als Opfer in Kriegen:

Kriege im abendländischen Verständnis waren und sind Inszenierungen, in denen eine unmittelbare Konfrontation zwischen Gruppen von Männern stattfindet. Während der kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien gab es seit 1992 Massenvergewaltigungen an Frauen. Daneben wurden auch Männer massakriert, anal vergewaltigt und sexuell missbraucht, was kaum eine öffentliche Aufmerksamkeit hervorrief. «Im Kriege sprach und spricht man von <Verlusten>, wenn von gefallenen Männern die Rede ist, die <Opfer> sucht man bei Frauen, Kindern und Alten in der Zivilbevölkerung» (Böhnisch).

• Männliche Folteropfer:

Als Erpressungsmethode ist Folter uralt und wurde jahrhundertlang in Strafprozessen angewendet. Insbesondere in totalitären Staaten, aber auch in der Türkei und in Russland wird Folter gegenwärtig immer noch praktiziert. Um Aussagen zu erzwingen, werden den Opfern vorsätzlich grosse körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt. Dabei werden oft Methoden angewandt, die besonders erniedrigend sind, u.a. der quälende Zugriff auf die Geschlechtsorgane von Frauen und von Männern. Gegenwärtige Schätzungen bewegen sich weltweit zwischen 1,6 und 5 Millionen Folteropfern.

Tabuisierte Wahrnehmung

Betroffene Männer und auch die wenigen für diese Problematik offenen Helfer berichten immer wieder von erheblichen Widerständen bei der Wahrnehmung männlicher Opfer. Die überwiegende Zahl des Fachpersonals verharmlost die an Jungen und Männern begangenen gewalttätigen Übergriffe (noch) oder weigert sich, diese überhaupt wahrzunehmen. Z.B. berichten die vereinzelten männlichen Opfer sexueller Vergewaltigungen, die das Schweigen brechen, von wiederholten negativen Erfahrungen bei Ärzten, die verheerende sekundäre Traumatisierungen hinterlassen. Männliche Opfer scheinen Beratern und Therapeuten Angst zu machen, weil sie eine dunkle Seite des Helfers berühren: die eigene Erfahrung des Sich-zur-Verfügung- Stellens. Die Helfer wollen die Opfer nicht sehen, weil sie selbst nicht mit ihrer eigenen schwachen - als weiblich denunzierten - Seite gesehen werden wollen. Denn auf der Wahrnehmungsebene fordert das Opfer vom Helfer, dass dieser sich mit den eigenen Erfahrungen des Opferseins und der vermeintlichen «Schwäche» auseinandergesetzt hat. Und dieser schmerzliche Prozess stellt mit grosser Wahrscheinlichkeit das eigene Verständnis von Männlichkeit tiefgehend in Frage. Die geschlechtsspezifische Helferdynamik führt dazu, dass es männlichen Helfern leichter zu fallen scheint, mit missbrauchten Mädchen und männlichen Tätern als mit gleichgeschlechtlichen Opfern zu arbeiten. Und zudem werden die meisten Fälle männlicher Opfer überwiegend von Frauen, die in sozial-therapeutischen Einrichtungen arbeiten, aufgedeckt.

Tabu in Männerprojekten

Die Tabus gegenüber männlichen Opfern finden sich - was im ersten Augenblick staunen lässt - auch bei den «neuen» und «bewegten» Männern. In sozialarbeiterisch tätigen Männerprojekten liegt der Fokus eindeutig auf der Arbeit mit männlichen Tätern. Dies ist die Voraussetzung, um öffentliche Mittel zu erhalten. Die von Männern erlittenen Gewalterfahrungen hingegen gelten als nicht «politikfähig », sie verschwinden hinter dem Klischee von «Opfer sind Frauen und Männer sind Täter». Die Übergriffe von Männern interessieren erst, wenn sie in der Maskierung als männliche Täter auftreten. Um es noch klarer zu sagen: Damit Männer in ihrer Verletzbarkeit Aufmerksamkeit erfahren, «müssen» sie sich als Täter inszenieren. Dafür gibt es dann ein mit Milliardenbeträgen ausgestattetes riesiges Heer von Kontrolleuren, Bändigern und Strafverfolgern. Dieses reicht von der Sozialarbeit über die Polizei bis zur Justiz und versucht mit mehr oder weniger Erfolg sich der männlichen Täter zu bemächtigen und mit diesen umzugehen. Auch die so genannte «Männerforschung » ist von der Verdrängung der Opfer- perspektive und der Identifizierung mit der Täterperspektive gekennzeichnet. Männer haben in der Vergangenheit alles erforscht, nur nicht sich selbst, geschweige denn die «Verletzungsoffenheit» (Popitz) ihres Geschlechts. Eine Vermutung für diese nicht überwundene Geschlechtsblindheit lautet: Auch die «neuen» Männer sind traditionell sozialisiert und identifizieren sich - in etwas anderem Outfit - mit dem hegemonialen Männlichkeitsmodell. Opfersein und Passivität hingegen erfordert ein radikales Infragestellen von Mannsein. Solange die «neuen» Männer gegen (männliche) Täter und für weibliche Opfer kämpfen, sind sie aktive Beschützer - der Frauen. Sie bleiben damit aktiv - und können damit ihre eigenen Erfahrungen von «Sich-zur-Verfügung-Stellen, Ausgeliefertsein und Opfersein» weiterhin verdrängen. Lieber Märtyrer (oder Held) als Opfer. Zu fragen ist, in welchem Auftrag die «neuen» Männer eigentlich handeln? Ein Perspektivenwechsel hinsichtlich einer Sensibilisierung für Gewaltübergriffe, die gegen Jungen und Männer gerichtet sind, ist notwendig. Im Zentrum einer solch veränderten Sichtweise müsste stehen, dass die noch verborgene soziale Problemstellung männlicher Opfererfahrungen überhaupt wahrgenommen und damit in ihrer politischen Brisanz anerkannt wird. Ein langer Weg liegt vor uns, bis Mädchen und Jungen, Frauen und Männern die gleiche Würde und Unverletzlichkeit ihrer Person zugebilligt werden und die Verletzbarkeit von Frauen und Männern der Ausgangspunkt neuer Solidaritäten zwischen den Geschlechtern werden könnte.



Der Autor:

Hans-Joachim Lenz ist Sozialwissenschaftler und Gestalttherapeut. Er betreibt eine Praxis für Geschlechterforschung und Weiterbildung. Lenz ist im deutschen Sprachraum der Experte für das Thema Jungen und Männer als Opfer.
Kontakt: hj-lenz@t-online.de

Literatur:

Bange, D. & Enders, U. (1998). Auch Indianer kennen Schmerz. Handbuch gegen sexuelle Gewalt an Jungen. Köln: Kiepenheuer und Witsch.

Gemünden, J. (1996). Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Intimpartnerschaften. Marburg: Tectum.

Lenz, H.-J. (2000) (Hrsg.). Männliche Opfererfahrungen. Problemlagen und Hilfeansätze in der Männerberatung. Weinheim, München: Juventa.

Lenz, H.-J. (1999). Männer als Opfer - ein Paradox? Männliche Gewalterfahrungen und ihre Tabuisierung bei Helfern. In: Organisationsberatung - Supervision - Clinical Management, 6. Jg., H. 2, S. 117-129.

Lenz, H.-J. (1996). Spirale der Gewalt. Jungen und Männer als Opfer von Gewalt. Berlin: Morgenbuch.

 


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